3 Grundlagen#

Molekulardynamik (MD)-Simulationen werden verwendet, um die Bewegung bzw. Dynamik von Molekülen zu berechnen.
In der Simulation wird die Bewegung in diskrete Zeitschritte unterteilt, sodass sich die Änderungen der Atompositionen mithilfe der klassischen Mechanik berechnen lassen.

Für ein gegebenes Zeitintervall \(\Delta t\) kann aus der Geschwindigkeit eines Atoms der Ort bestimmt werden:

\[ \Delta r = \Delta t \,v \]

Bestimmt man die Kraft \(F\), die auf ein Atom wirkt, so lässt sich auch die Geschwindigkeitsänderung des Atoms berechnen:

\[ \Delta v = \Delta t \,\frac{F}{m} \]

wobei \(m\) die Masse des Atoms ist.

Die Bestimmung der Kräfte basiert bei den sogenannten klassischen Verfahren auf empirischen Parametern, die entweder quantenmechanisch oder experimentell bestimmt wurden. Abgeleitet werden die Kräfte aus der Summe aller potentiellen Energien der möglichen Wechselwirkungen zwischen den Atomen:

\[ F_i = -\nabla E_{\text{Gesamt}} \]

Zu den Wechselwirkungen zählen van-der-Waals-, Coulomb-, Bindungs-, Winkel- und Dihedralwechselwirkungen ( Abb. 1).

Zusammenfassung der möglichen Wechselwirkungen in einem Molekül (adaptiert nach Paulsen 2025).

Tabellen mit diesen Parametern werden als Kraftfelder (force fields) bezeichnet. Für Biomoleküle existieren verschiedene Varianten, die auf bestimmte Molekülklassen spezialisiert sind, z. B. AMBER, CHARMM oder OPLS.

Die Genauigkeit einer MD-Simulation hängt unter anderem vom gewählten Zeitschritt ab. In den Simulationen, die im Praktikum betrachtet werden, liegt dieser im Femtosekundenbereich (\(\Delta t = 1{-}2\,\mathrm{fs}\)).
Die Wahl des Zeitschritts ist entscheidend: Ist er zu groß, können Atome zu weit springen und Interaktionen verpassen, was zu strukturellen „Clashes“ führt. Ist er zu klein, verlängert sich die Rechenzeit erheblich.
Zur effizienten Integration der Bewegungsgleichungen wurden numerische Verfahren wie der Verlet-Algorithmus entwickelt, der eine Lösung der Newtonschen Bewegungsgleichungen liefert, ohne explizit die Geschwindigkeiten zu berechnen ( basierend auf dem Leapfrog-Verfahren).

Neben dem Kraftfeld und den Grundlagen zur prinzipiellen MD-Rechnung müssen vor allem für biologische Systeme Grundvoraussetzungen geschaffen werden, die es ermöglichen, experimentelle Umgebungsparameter zu reproduzieren.

Dies erfolgt in zwei Phasen:

  • Solvatisierungsphase: Hier wird das Biomolekül in explizitem Wasser gelöst und Ionen dem System zugegeben.

  • Äquilibrierungsphase: Hier wird die potentielle Gesamtenergie minimiert und danach Temperatur und Druck eingestellt.

Solvatisierungsphase#

In dieser Phase wird das in silico Molekül in eine definierte Simulationsbox gesetzt. Diese wird anschließend mit expliziten Wassermolekülen gefüllt, und schließlich werden Ionen hinzugefügt, um das System zu neutralisieren und die gewünschte Ionenkonzentration einzustellen.
Nach diesen Schritten liegt das Molekül in Lösung vor, was es ermöglicht, die Wechselwirkungen mit dem Lösungsmittel zu simulieren. Diese Interaktionen beeinflussen die Entwicklung des Systems und erlauben es zudem, Bewegungsparameter wie die Diffusion eines Moleküls im Lösungsmittel abzubilden.
Damit das Molekül in seiner Bewegung nicht durch die Grenzen der Box eingeschränkt wird und nicht an harte Wände stößt, werden Simulationsboxen mit periodischen Randbedingungen verwendet.

Äquilibrierungsphase#

In dieser Phase wird das Gesamtsystem auf die Umgebungsbedingungen eingestellt, die auch unter experimentellen Bedingungen vorliegen würden.
Im ersten Schritt, der Energieminimierung, wird die Geometrie des Systems so lange angepasst, bis die potentielle Gesamtenergie gemäß einer definierten Abbruchbedingung ein Minimum erreicht. Dadurch werden sterische „Clashes“ zwischen Atomen beseitigt und eine stabile Ausgangsstruktur erzeugt.
In GROMACS wird die Energieminimierung typischerweise mit dem Steepest-Descent-Algorithmus durchgeführt, da dieser eine robuste Konvergenz bei stark verspannten Startstrukturen gewährleistet.

Anschließend erfolgt die Äquilibrierung von Temperatur und Druck.
In einem NVT-Ensemble (konstante Teilchenzahl \(N\), Volumen \(V\) und Temperatur \(T\)) wird mithilfe eines Thermostaten die Temperatur auf den Zielwert geregelt, indem die atomaren Geschwindigkeiten angepasst werden.
In GROMACS kommt hierfür häufig das Berendsen-Thermostat zum Einsatz.
Nach Erreichen des angestrebten Mittelwerts der Temperatur folgt die Druckäquilibrierung im NpT-Ensemble (konstante Teilchenzahl \(N\), Druck \(p\) und Temperatur \(T\)). Dabei wird der Druck mithilfe eines Barostaten reguliert, der das Volumen der Simulationsbox variiert.
Ein Verfahren ist hier der Parrinello–Rahman-Barostat, der realistische Druckfluktuationen und Volumenanpassungen im Gleichgewicht ermöglicht.

Nach Abschluss der Äquilibrierung sind Temperatur, Druck und Dichte stabilisiert, und der Produktionslauf kann gestartet werden. Dabei entwickelt sich das System über die Zeit entsprechend den newtonschen Bewegungsgleichungen, wodurch eine Trajektorie des Zielmoleküls entsteht.